Bild: Moussa Idrissi, CC0 Pexels

Drei Tage nach Marokko

Scrollen

Auf einer Busreise nach Marokko hat der Autor Richard Kaufmann eine wertvolle Lektion gelernt: Die Hinreise kann das Ziel neu bestimmen.

Einhundert Euro und ein Ticket für die Rückreise. Ich schließe meine Augen. So war das nicht geplant. Eigentlich sollte auf meiner ersten großen Reise doch nichts schiefgehen! Zumindest nicht so früh. Ich bin gerade eben erst in Frankfurt am Main angekommen, nachdem ich fünf Stunden mit einer Mitfahrgelegenheit über die Autobahn gefahren bin. Am Frankfurter Hauptbahnhof hab ich etwas Zeit, um mir die Beine zu vertreten, bevor meine dreitägige Nonstop-Busreise nach Fes im Norden Marokkos losgehen soll. Ich will mir was zu essen kaufen. Doch dann bemerke ich: Meine Kreditkarte fehlt!

Fuck. Ich habe diese verdammte Karte vergessen. Aus »Sicherheitsgründen«  habe ich auch meine zweite Bankkarte zu Hause gelassen. Mit Absicht. Soll ja nichts wegkommen! Ich kann also nirgends Geld abheben. 100 Euro für drei Wochen sind alles, was ich habe. Hotels habe ich keine gebucht. Das Einzige, was nun »sicher«  scheint, ist meine Zukunft als unbezahlter Gemüsehändler auf den Straßen Marokkos.

Was hättest du in einem solchen Moment getan?

Genau das habe ich auch gemacht. Erstmal zu Hause anrufen. »Ich habe meine Bankkarte verloren«, sage ich meiner Schwester. Jaja, ich weiß. Mir war es einfach zu peinlich, zuzugeben, dass ich das nochmal Wichtigste einfach vergessen habe. Sie sagt, dass Vati nicht zu Hause ist. Vati, das ist mein Vater. Ein Mann, der für sein Leben gern auf Reisen geht. Meinen Plan, mit 19 Jahren ohne Begleitung, nennenswerte Reiseerfahrung oder nachweisbare Französischkenntnisse nach Marokko zu reisen, goutierte er mit den Worten »In Ordnung, wird dich bestimmt um eine Erfahrung reicher machen.«  Meine Mutter war ungleich besorgter.

»Ich will gar nicht weiter drüber nachdenken«, waren ihre ernüchterten Worte an mich. Der Grund dafür sind Vorbelastungen durch meinen älteren Bruder, der mich überhaupt erst auf die Idee brachte, das alles hier zu tun. Der ist einmal mit einem alten Mercedes von Dresden nach Mauretanien gefahren. Allein. Er rief meine Mutter dann einmal kurz vor der Sahara an und gab ihr für alle Fälle das Kennzeichnen von ein paar Typen durch, mit denen er dann gemeinsam die Wüste passieren würde. Nun sind also beide meiner Eltern nicht erreichbar und meine Schwester sagt am Telefon diesen Satz zu mir: »Richard, du wolltest doch ein Abenteuer. Fahr einfach los! Du wirst schon einen Weg finden.«  Ich traue mich nicht, zu fragen, was für ein Weg das sein könnte. Dafür weiß ich nur zu gut, dass sie, genau wie ich, ohnehin keine Antwort hat.

Also begebe ich mich zur Bushaltestelle, von der aus die dreitägige Reise beginnen soll. Dort angekommen, bemerke ich: Es gibt tatsächlich keine einzige andere mitfahrende Person, die nicht ganz offensichtlich aus Marokko stammt. Grund genug, dass eine Gruppe von jungen Typen mit Kippen im Mundwinkel am Rand mich anpfeift. Etwas irritiert sehe ich mich um.

»Wie – Ich?«  

                »Ja, komm doch mal kurz rüber. Wir haben eine Frage!« 

Aha. Ich bin zwar jung, naiv und kein besonders sicherer Typ, aber ich weiß: »Achtung Alter, das könnte ne linke Nummer werden.« In Situationen eigener Not wirst du in der Regel jedoch nicht wählerischer, sondern offener. Wer reich ist, braucht keine Freunde. Nur bin ich alles andere als reich, also trete ich näher. Die Gruppe besteht zudem nicht nur aus Marlboro-rauchenden Männern, sondern auch ein paar Muttis mit Kopftuch, Opis mit Marlboros und sogar ein paar Kinder wuseln rum.

                »Mein Bruder in Marokko braucht ein bisschen was, hier in dem Rucksack «

…sagt einer der etwas jüngeren Männer, und in meinem Kopf macht es: »Okay,  das war’s! Ich bin raus.«  Aber der junge Typ  um die zwanzig mit einem Basecap auf dem Kopf erklärt sich.

                »Schau mal, da sind Handys drin. Wenn ich das einem anderen Mitfahrenden gebe, kommt entweder die Hälfte nicht an, oder das ganze Ding wird ihm an der Grenze von den Bullen abgenommen.« 

Ich komme ins Grübeln. Und frage dann:

»Kann ich mal reingucken?« 

                »Na klar! »Da ist ja nichts Verbotenes drin. Wenn, dann würde das in die andere Richtung gehen! Hehe.« 

Wir werfen uns gegenseitig ein dezentes Lächeln zu. Dann beginne ich mit meiner Untersuchung des kleinen, rotblauen Rucksacks und entdecke tatsächlich hauptsächlich Handys, ein paar Mützen und etwa zehn Packen Longpapes. »Na gut!«, sage ich und werfe noch mal einen Blick in die Augen der Anwesenden. Mein Gefühl sagt mir, dass ich ihnen vertrauen kann. Und meinen Vorschlag, die Tasche für alle Fälle nochmal ganz tief in meinem riesigen Bergsteiger-Rucksack zu verstauen, befindet die Gruppe einstimmig für eine gute Idee. Der Deal ist gemacht. Dank sei mir sicher, alles Weitere dann in drei Tagen. Also steige ich ein. Der Busfahrer muss meinen verunsicherten Gesichtsausdruck wahrgenommen haben und nimmt mich direkt an den Arm, bevor ich mich selbst setzen kann.         

»Ich hab’ ’nen guten Platz für dich«, sagt er mir mit väterlichem Gesichtsausdruck. Keine Ahnung, was mich erwartet. Eine hübsche Frau? Ein paar coole Typen, mit denen ich in den Pausen rauchen kann? Nein. Eine deutsche Oma. Immerhin: Man kann in so einer Lage nicht genug neue Freunde haben. Ich setze mich neben die Dame, wir grüßen uns freundlich, aber distanziert. Sie ist wohl etwas erleichtert. Ich zugegebenermaßen auch; sie wird mich bestimmt verstehen. Klug genug bin ich trotzdem, ihr nicht sofort von meiner misslichen Lage zu erzählen. Drei Tage auf einer Sitzreihe eines gewöhnlichen Reisebusses mit einem Sitzabstand von genau fünf Zentimetern sollten doch genug sein, um Vertrauen zu fassen, denke ich mir. Vielleicht wird sie mir nach Ankunft ein paar Tage Unterschlupf gewähren? Tatsächlich kommen wir sofort ins Gespräch. Sie erzählt mir davon, dass sie ein Haus in Marokko habe und dort mit ihrem Mann gemeinsam lebt. Sie war für ein paar Wochen in Frankfurt am Main, um nun wieder »runterzufahren«, wie sie sagt.

                »Falls Sie sich fragen: Ich leide unter Flugangst. Und warum reisen Sie mit dem Bus?«

 »Ich will die Landschaft auf dem Weg sehen! Und, ähm… ja, ist so günstig mit dem Bus, nicht wahr?«

…antworte ich, im Wissen, dass beides nicht wirklich stimmt, jedenfalls glaube ich nicht so richtig daran.

Mein Bruder war es, der mir den Gedanken mit dem »Weg«  in den Kopf gesetzt hat. Ich fand das irgendwie plausibel und habe vor vier Wochen diesen Bus gebucht. Und ob der Flieger wirklich teurer gewesen wäre, das habe ich noch nicht einmal geprüft. Es ist nicht so, als hätte ich alles durchdacht bei dieser Reise. Was bisher auch kein Problem gewesen ist. Bis auf die Sache mit der Kreditkarte natürlich. Irgendwann, es ist draußen bereits dunkel und der Bus langsam, aber sicher auf dem Weg Richtung Frankreich, erzähle ich ihr dann doch von meinen finanziellen Problemen. Es ist der Moment, an dem sie ganz plötzlich müde wird. Also, sie sagt das nicht so explizit. Ihre Augen schließen sich einfach, das muss mir reichen. Ich muss wohl mal wieder zu viel geredet haben. Es ist jedenfalls das letzte Mal, dass wir uns während der weiteren zweieinhalb Tage nebeneinander unterhalten haben.

Auf einer derart langen Busreise hat man sehr, sehr viel Zeit zum Nachdenken. Irgendwann aber wird es langweilig, sich Sorgen zu machen. Das merke ich schnell. Immer wenn der Bus irgendwo Stopp macht, vertrete ich mir die Beine, wie alle anderen auch. Ich kaufe ich mir einen kleinen Snack, wissend, dass meine hundert Euro zumindest für die Hinreise ausreichen sollten. Nach einigen dieser Stopps, der Bus hält exakt alle vier Stunden, komme ich mit ein paar Typen ins Gespräch. Das Großartige an diesem Bus nach Marokko: Alle sprechen Deutsch!

Ohne auch nur ein Wort von meinen Geldsorgen sacke ich reihenweise Einladungen ein. Ungefragt. Es wirkt fast so, als wären hier alle ziemlich stolz, dass ich ihr Land besuchen will. Asif etwa wohnt in Essaouira, er gibt mir seine E-Mail (wir schreiben das Jahr 2006) und die Adresse vom Haus seiner Eltern. Schnell füllt sich mein Reisebuch mit solchen Notizen. Und je weiter wir Richtung Süden kommen, hellt sich meine Stimmung auf. Ich habe bald genug Einladungen zusammen, um in fast jeder marokkanischen Stadt unterzukommen. Wie aber soll ich dort überhaupt reisen, so ganz ohne Geld? Wie schnell lerne ich wohl ausreichend Arabisch, um Gemüse verkaufen zu können?

Und kriege ich einen Stellplatz auf dem Markt von der Stadtverwaltung? Keine Ahnung, wie das mit meiner Vier in Französisch und dem fehlenden Arabisch gehen soll. Aber irgendwie muss es ja. Ich vermeide es, allzu viele Gedanken daran zu verschwenden.

Nach einer unglaublich langen Zeit von fast zweieinhalb Tagen im Bus gelangen wir an die spanische Mittelmeerküste. Almería macht keinen guten Eindruck auf mich. Die Stadt ist voller Wohnblocks und hat möglicherweise einmal eine glanzvolle Zeit gehabt.  Aber wir fahren sowieso direkt zum Hafen, wo wir einige Stunden auf die Fähre nach Melilla warten. Überall stehen riesige Container rum, Soldaten patrouillieren.

Stundenlanges Rumstehen und Rumrauchen später überqueren wir das Mittelmeer und gelangen nach Melilla in Nordafrika. Der umzäunte Ort an der marokkanischen Küste gehört aus irgendeinem absurden Grund seit 500 Jahren zu Spanien. Hier ist mithilfe eines widerlichen Chemikers aus Deutschland im Jahr 1923 Giftgas hergestellt worden, das vom spanischen Militär dann gegen die Berberstämme im marokkanischen Rifgebirge eingesetzt wurde. Bis heute ist unklar, wie viele daran starben, es werden wohl Zehntausende gewesen sein. Noch immer stammen 60 Prozent der Krebspatienten in der marokkanischen Hauptstadt Rabat aus dem Gebiet, das die Spanier vor hundert Jahren verseuchten. 

Mitsamt unseren gesamten Habseligkeiten fährt unsere rollende Jugendherberge dort als Erstes ans Land. Wir Passagiere dürfen erst einmal durch eine Kontrolle laufen, eine Rucksackkontrolle fällt also schon einmal flach. Die Beamten schauen sich trotzdem jede und jeden genau an, der Pass wird aufmerksam geprüft und mit dem Gesichtsausdrück abgestimmt. Bis ich dran bin. Der schwitzende Beamte sieht sich nur die Außenhülle meines Passes an und winkt mich müde weiter. Es wird deutlich, warum ich es war, der den ominösen weißen Rucksack in den Bus mitnehmen durfte. Es geht weiter durch wüstenähnliche Hügel, vorbei an vereinsamten Tankstellen und spärlicher Besiedlung. Das Ziel ist jetzt ganz nah. Fes ist eine der ältesten Königsstädte in Marokko und beherbergt 800.000 Menschen, so steht es in meinem Reiseführer. Langsam werde ich wieder nervös. Wie werde ich die nächsten drei Wochen in diesem Land überleben?

Werde ich das?

Der Bus nähert sich der Stadt, überall Leute auf kleinen Mopeds, Fahrrädern oder diesen weißen Plastikstühlen, die man auch in Deutschland von Currywurstbuden kennt. Sie sitzen vor Cafés, am Straßenrand, auf Mittelstreifen. Wirklich jeder, okay jeder Mann zumindest, scheint draußen rumzuhängen. Noch nie habe ich so viel Leben auf einmal gesehen. Wie durch ein Wunder crasht keines der gefühlt Tausenden Fahrzeuge mit offenen Türen, rauchenden Fahrern und wilden Mopedfahrern auf den übervollen Straßen. Die Häuser haben unverputzte Wände, manchmal fehlt auch eine ganze Fassade. Viele wirken so, als hätte man drei Wochen vor der Fertigstellung beschlossen, den Bau abzubrechen. Es gibt Ziegen, die Lasten tragen und Katzen, die gierig nach heruntergefallenem Essen Ausschau halten. Wir erreichen einen Busbahnhof und alle steigen aus. Ich schüttele Hände. Einer meiner Reisegenossen hat mir kurz vor unserer Ankunft noch angeboten, bei ihm unterzukommen. Die ersten Nächte sind also safe.

Doch da stehen drei Typen in Polohemden um die dreißig und nicken mir zu.

                »Bist du Richard?« 

 »Ähm ja. Bin ich. Woher kennst du meinen Namen?« 

                »Ich bin Raschid, meine Familie hat dich geschickt! Komm, steig ein.« 

Und schon setze ich mich in einen Transporter, hinten ist noch Platz für mich und seine beiden Freunde. Wir sitzen auf Kisten. Sekunden vorher denke ich: »Okay, wäre schon eine Riesendummheit, bei wildfremden Menschen in einen dunklen Transporter einzusteigen.« Aber dann rieselt es durch meine Gedankengänge: Es wäre eine noch viel größere Riesendummheit, es nicht zu tun. Wohl wissend, dass die Situation ein wenig skurril wirken könnte auf einen 19-jährigen Europäer, lächelt Raschid mir zu:  »Alles gut! Ach ja: Hast du den Rucksack dabei?« 

Ich nicke und habe keine Ahnung, wo wir hinfahren. Wir verlassen die Stadt, sehen kann ich aber nichts. Irgendwann macht einer meiner Mitfahrer die Tür hinten auf, damit während der Fahrt etwas Licht und Luft reinkommen. Ich sehe eine unbefestigte Landstraße, die einen Hügel hinaufläuft. Alles ist noch trockener als in der Stadt. Ein Mercedes-Taxi fährt Muttis Richtung Stadt. Sonst ist nichts zu sehen. Nur ein paar erbärmliche Sträucher können der Hitze standhalten. Nach einer guten Dreiviertelstunde erreichen wir ein Dorf, das offenbar nur von Hunden und Hühnern bewohnt wird. Ein Minarett thront über den Häusern. Wir fahren die Straße den Hügel hinauf. Das ist seine Heimat, verkündet Raschid stolz.


Landreisen

Der Auszug entstammt dem Buch »Landreisen« von Richard Kaufmann, das du hier bestellen kannst. Im Buch finden sich noch weitere witzige und rührende Geschichten, die sich auf dem Weg irgendwo hin ergeben haben. In Essays denkt er über eine andere Art des Urlaubs nach, in der wir nicht mehr über spannende Orte hinwegfliegen, sondern unsere nächste Umgebung erkunden. Dem Buch liegt eine Karte von Europa bei, die die besten Ziele mit dem Zug zeigt. Von Leipzig kommt man demnach bereits in 10 Stunden nach London!

Die Illustrationen im Buch stammen vom Künstler Ed J Brown. © RAZ EL HANOUT / Header: Video: Taryn Elliott; CC0 Pexels; Foto 1: Moussa Idrissi, CC0 Pexels; Foto 2: Annie Spratt CC0, Unsplash

Mehr
Schließen